Leseprobe

Verhaftung in Essen Teil 2

 
Da mein Zug erst später kommt, setze ich mich auf eine Mauer in der Nähe des Haupteinganges.  Beim Rauchen einer Zigarette sehe ich dem Treiben am Bahnhof zu.
  Plötzlich höre ich lautes Geschrei. „Aufhören, Hilfe, Polizei“ schalt es mehrmals über das Bahnhofsgelände. Das ganze wird noch durch gellendes Hupen mehrerer Taxifahrer unterstützt. „Warum tut denn keiner was?“, schreit eine ältere Frau. Erst als ich mich umdrehe sehe ich was hinter mir abgeht. 2 Männer prügeln und treten auf einem am Boden liegenden Farbigen ein. Sofort denke ich, dass hier 2 Rechtsradikale den dunkelhäutigen Mann wegen seiner Hautfarbe misshandeln.
  Da niemand etwas unternimmt, packe ich meinen ganzen Mut und versuche den Farbigen zu helfen. Doch bevor ich überhaupt eingreifen kann, befördert mich jemand mit einem gekonnten Griff auf den Hosenboden. Ich liege auf dem Rücken und werde von hinten im Schwitzkasten festgehalten. Dabei kann ich den Angreifer nicht sehen. Keine Ahnung weshalb? Ich weiß absolut nicht was  hier los ist.  Ein junger blonder Mann, Mitte 20 etwa, will mir nun zur Hilfe kommen. Auch er wird ebenfalls von einer plötzlich auftauchenden Person zu Boden befördert. Nur wenige Sekunden später werden wir von knapp einem dutzend Polizisten umstellt. „Du bist verhaftet“, schreit mich ein Polizist lautstark an. „Warum?“ frage ich. „Halts Maul!“, schreit er zurück. Sehr rabiat bekomme ich die Acht auf den Rücken geklemmt. Mir ist die Sache immer noch ein Rätsel und ich denke ich bin im falschen Film. Auf meine erneute Frage: „ Was habe ich denn falsch gemacht“,  entgegnet mir der gleiche Ordnungshüter: „Halt die Fresse! Ich verhafte Dich wegen versuchter Gefangenenbefreiung.“
  Als auch der Farbige verhaftet wird, die beiden Schläger aber nicht, scheppert es so langsam  in meiner Birne. Die prügelnden Männer sind 2 Zivilpolizisten, die eine außergewöhnlich brutale und sehr seltsame Verhaftung durchgeführt haben. Der Farbige, mein vermeintlicher Retter und ich, werden unter dem Unmut einiger Passanten abgeführt und in einen Polizeiwagen gesteckt. Viele Passanten, die das Szenario beobachtet haben, zeigen sich mit uns solidarisch. Sie pfeifen und buhen die Polizei aus.
  Wieder stehe ich vor dem gleichen Problem wie bereits heute morgen. Kann ich meine noch knapp 50 g Amphetamine retten, die sich weiterhin in meiner Unterhose befinden. Im Polizeibulli habe ich die vielleicht rettende Idee. Einige Tage zuvor hatte ich mir bei einem Einbruch eine Verletzung zugezogen.  Beim Öffnen einer eingeschlagenen Fensterschreibe zog ich mir eine  Risswunde am rechten Unterarm, direkt unter dem Handgelenk zu. Die Wunde blutete so stark, dass ich in der Firma, in der ich eingestiegen war, erst mal einen Verbandskasten suchen musste. Erst nachdem ich einen Verband um die Wunde gemacht hatte, konnte ich meinen Einbruch fortsetzen.
  Jetzt, einige Tage später, trage ich zwar keinen Verband mehr Doch die Wunde ist noch lange nicht verheilt. Das will ich mir jetzt zur nutze machen. Mit den sehr eng anliegenden Handschellen versuche ich die verkrustete Wunde loszurubbeln. Immer und immer wieder reibe ich während der Fahrt mit den Handschellen an meiner Verletzung. Als wir zur Wache gelangen, habe ich mein Handgelenk schon total blutig gescheuert. Es ist übrigens die gleiche Wache, die ich schon am Vormittag besuchen mußte. Da die Schicht komplett gewechselt hat, bemerkt niemand, dass ich mit meinem zweiten Auftritt heute hier, schon Stammgast bin.
  Nun passiert etwas ganz entsetzliches. Die Polizisten beginnen den Farbigen zu beleidigen. Nigger, Affe, Bananenfresser, Orang Utang, schwarze Drecksau, Kunta Kinte! Mit solchen Schimpfwörtern wird er auf das Übelste drangsaliert.  Irgendwie glaube ich, in einem falschen, schlechten amerikanischen Polizeifilm zu sein. Mich wundert dass alle Polizisten mitmachen. Unter den zumeist jungen Polizisten befinden sich auch 2 Frauen. Doch auch die empfinden keinerlei Mitleid mit dem verhöhnten dunkelhäutigen Gefangenen.
  Schließlich wird der Farbige, der ebenfalls die Handschellen auf dem Rücken trägt, mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Hierbei tut sich ein Polizist mit türkischen Wurzeln besonders hervor brutal hervor. Mehmet, wie ihn seine Kollegen rufen, ist besonders brutal und abartig zu dem Farbigen. Der Farbige wird umhergestoßen, gehänselt und weiter beleidigt. Mich wundert sehr, dass die ungefähr 10 anwesenden Polizisten, in punkto Menschenverachtung eine besonders verschworene Gemeinschaft sind. Es sind alles jüngere „Staatsdiener“ so zwischen 25 und 40 Lebensjahren. Keiner von ihnen tut oder sagt etwas gegen die Menschenrechtsverletzungen, die sich hier abspielen.
   Irgendwie habe ich keinen Bock mehr auf diese faschistischen Bullen. Also lasse ich mich plötzlich nach vorne auf den Boden fallen und spiele den Ohnmächtigen. Da die Polizisten meine blutverschmierten Handgelenke sehen, machen sie sich Sorgen. Natürlich nicht um mich, sondern ob sie möglicherweise Ärger wegen zu rabiater Behandlung bekommen werden. „Der hat doch eigentlich gar nichts gemacht“, höre ich sie, in meinem „benommenen Zustand“, reden. Ich öffne meine Augen und tu als wenn ich nur mühsam wieder zur Besinnung komme. Man hilft mir auf  und gibt mir einen Schluck Wasser.
  Nach kurzer Diskussion darf ich wenige Minuten später diese Horrorwache verlassen. Ich schleiche in ein Gebüsch und brauche auf diesen Schrecken erst einmal eine Ration von meinen Amphetaminen. Die 5 Kilometer zum Bahnhof renne ich. Auf keinen Fall will ich noch mal in die Fänge dieser Polizeiwache kommen. Als man mich am Bahnhof festgenommen hatte, musste ich meinen Rucksack zurücklassen. Da drin befanden sich auch die Handys und die Briefmarken. Natürlich ist der Rucksack jetzt nicht mehr an der Mauer, an der ich ihn abgestellt hatte. Da ich kein Geld habe, fahre ich mit dem Zug schwarz nach Hause.
  Später schreibe ich eine Beschwerde an die Stadt Essen. In dem Schreiben beschwere ich mich über das rassistische Verhalten auf der Polizeiwache. Die Beschwerde verläuft jedoch im Sande, denn es erfolgt keinerlei Reaktion darauf. Ich muss sagen, derartiges Verhalten von Polizeibeamten passiert mir nie wieder. Bestimmt 20mal werde ich in meiner kriminellen Laufbahn festgenommen und dabei außer hier in Essen, immer korrekt behandelt. Vor allem die Hamburger Polizei empfinde ich meistens als ausgesprochen freundlich. Auch im Münsterland habe ich keinerlei Probleme mit der Polizei. Während im Ruhrgebiet, besonders in Essen und Gelsenkirchen doch einige schwarze Schafe im Polizeidienst zu finden sind...
 
 
Druckversion Druckversion | Sitemap
© H.Reckers