Leseprobe

Ungebetener Besuch am frühen Morgen

 

   Wie nach vielen Dingen in diesem Leben, werde ich auch nach dem Einbrechen süchtig. Jede Nacht muss ich nun los, wobei ich mich immer mehr auf Bargeld spezialisiere, da hier der Abtransport am einfachsten zu organisieren ist. So gelingt es mir immer noch, meinen Drogenkonsum zu finanzieren und meine Immobilien weiter abzubezahlen. Oft lasse ich Bea nachts alleine, wenn sie bei mir übernachtet. Jedoch in dieser Nacht bleibe ich zu Hause. Als Bea morgens zur Arbeit aufbricht, erzähle ich ihr davon, wie ich geträumt habe, dass die Polizei bei mir aufläuft.

 

   Ich lege mich noch mal hin, als es kurz vor 8 Uhr klingelt. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder. Da ich das ganze ignoriere, klingelt es mehrmals. Nervös gehe ich zur Tür und sehe durch den Schlitz. 2 Männer stehen direkt vor meiner Tür. Sofort wird mir klar, dass es sich hier um die Kriminalpolizei handelt. Schnell ziehe ich mir eine Jacke über und versuche über den Balkon aus meiner Erdgeschoßwohnung zu verschwinden. Als ich gerade über das Balkongeländer klettern will, steht mir plötzlich ein Mann mit einer hochgezogenen Waffe gegenüber.

  

   „Stehen bleiben, Hände hoch, Polizei!“ sind seine eindringlichen Worte. Widerstandslos lasse ich mich zurück in die Wohnung geleiten. Dann öffnet er seinen beiden Kollegen die Tür. Diese zeigen mir den richterlichen Beschluss für eine Hausdurchsuchung. Dann halten sie mir ein Foto vor, auf dem ich vor einem Geldautomaten zu sehen bin.

 

   Jetzt dämmert es bei mir. Vor 2 Wochen war ich in ein Rathaus eingestiegen. Damals hatte ich alle Büros durchwühlt und knapp 1000 DM Kleingeld erbeutet. In einem Büro fand ich auch eine Kontokarte, mit der ich morgens dann versuchte Bargeld von einem Geldautomaten abzuheben. Da ich die Geheimnummer nicht kannte, wurde die Karte natürlich eingezogen und ich dabei fotografiert.

 

   Der jüngste der 3 Kripobeamten, ein ungefähr 30 Jahre alter blonder Mann mit einer Brille, liest mir dann eine Liste mit ca. 30 Adressen vor. An allen diesen Stadtlohner Orten soll ich eingebrochen sein. Ein wenig fühle ich mich geschmeichelt, denn ich bin höchstens für die Hälfte dieser Straftaten verantwortlich. Das kann ich ihm natürlich nicht stecken und ziehe ich es vor, zu schweigen. Während er weiter versucht, mich zu interviewen, sehen sich die beiden anderen gründlich in der Wohnung um.

 

   Immerhin finden sie eine Gaspistole, die bei dem Rathauseinbruch ebenfalls gestohlen worden war. Meine Drogen, die ich im Kühlschrank in einer Tupperwaredose lagere, finden sie nicht. Da sie nicht wissen, dass ich drogenabhängig bin, suchen sie auch nicht konsequent nach Betäubungsmitteln. Die vielen Pokale, Urkunden und Medaillen in meiner Wohnung aus längst vergangenen erfolgreicheren Zeiten, lassen auch wohl eher darauf schließen, dass sie es mit einem Sportler zu tun haben. Auf jeden Fall hegt der junge blonde Polizist den Verdacht, dass ich als schlanker, athletischer Mann für viele dieser erwähnten Einbrüche in Frage komme. Denn mehrmals seien der oder die Täter durch enge Kellerfenster oder hohe Balkone in die Tatorte eingedrungen. Obwohl ich in keiner weise zur Aufklärung dieser Straftaten beitrage, kommen mir die 3 Kripobeamten sehr ruhig und auch sympathisch rüber. Wobei ich den Polizisten, der mir die Knarre an dem Kopf gehalten hatte, am nettesten finde.   Auf jeden Fall kein Vergleich zu den unsympathischen, rüpelhaften Polizisten, wie man sie oft im Fernsehen sieht. Wobei ich diesen Duisburger Tatortkommissar Schimanski als besonders asozial empfinde.

 

   Dann beschlagnahmen sie noch einige Elektrogeräte, die ich allerdings alle ordnungsgemäß im Einzelhandel erworben hatte. Auch sammeln sie sämtliche Schuhe aus meiner Wohnung ein. Davon versprechen sie sich, mich mit am Tatort hinterlassenen Fußabdrücken, überführen können. Erwartungsgemäß nehmen sie mich dann mit aufs Präsidium. Da ich keine Handschellen angelegt bekomme, ist die Hoffnung groß bei mir, nachher wieder nach Hause fahren zu dürfen. Dann werde ich zweimal verhört. Zuerst von dem jüngsten, dem ehrgeizigen blonden jungen Kommissar. Danach nimmt mich der Älteste von den dreien, der als Hauptkommissar wohl de Chef ist, zur Brust. Doch alle seine Anstrengungen ein Geständnis aus mir  rauszuquetschen, sind umsonst. Beharrlich verweigere ich weiterhin die Aussage. Auch hoffe ich auf diese weise, schnell aus dem Präsidium herauszukommen. Es ist inzwischen weit nach Mittag und langsam komme ich auf Entzug. Mit dem Versprechen von mir, dass ich ein paar Tage später erneut zu einem Verhör auf dem Präsidium erscheine, lässt man mich laufen. Schnell fahre ich mit dem Bus nach Hause, um mir erst einmal eine Nase Speed reinzupfeifen.

 

  Abends kommt erst einmal Volker zur Lagebesprechung vorbei. Er hatte mich immer gewarnt, nicht so leichtsinnig und risikofreudig zu sein. Doch im Drogenrausch ignorierte ich alle guten Ratschläge. Immerhin hatte ich nicht die Nerven verloren und unter Druck ein Geständnis gemacht. Trotz ausgiebiger Mahnungen von Volker, ist mir der Ernst der Lage gar nicht bewusst. Im Gegenteil. „Die können mir garnix beweisen“, stelle ich ein wenig überheblich fest.

 

  Einige Tage später gehe ich dann wie versprochen zu einem erneuten Verhör ins Polizeipräsidium. Der junge blonde Kripomann ist zuerst sehr erfreut, als ich ihm ankündige eine Aussage machen zu wollen. Dann gebe ich zu Protokoll, das ich nachts in Stadtlohn unterwegs gewesen wäre. Dann hätte ich auf einem Parkplatz eine Plastiktüte gefunden. Diese sei mit einer Gaspistole und einer Kontokarte gefüllt gewesen. Das diese Sachen aus einem Einbruch stammten, sei mir nicht bewusst gewesen. Um die Kontokarte, dem Besitzer zurückzugeben, steckte ich sie in einen Geldautomaten und tippte willkürlich einige Zahlen ein. So konnte die Bank sie dann dem Kartenbesitzer aushändigen. Die alte Gaspistole hielt ich für absolut wertlos und nahm sie völlig unbedacht mit zu mir nach Hause. Das ganze würde mir sehr Leid tun, versichere ich dem Polizisten. Eigentlich bin ich kein guter Lügner, aber auf Drogen fällt es mir nicht sonderlich schwer, irgendwelche Geschichten zu erzählen. Der Kripomann tippt auf seiner Tastatur und schreibt alles ohne große Reaktionen auf. Ich wundere mich sehr über so wenig Widerstand.

 

   Dann plötzlich steht er ruckartig auf und fährt mich lautstark an: „Sie wollen mich wohl verarschen, das ist doch alles erstunken und erlogen, was sie mir da gerade erzählt haben!“ Das gehört zum Polizeijob, denke ich mir. Mal die softe Tour, dann aber auch mal die harte Tour durchzuziehen. Gut, mein Job ist es zu lügen, rede ich mir ins Gewissen.

 

   Als er merkt, dass wir auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, gibt er mir das Aussageprotokoll, das er mitgeschrieben hat, in die Hand. Dann lese ich das Protokoll durch und unterschreibe meine Aussage. Irgendwie ist er sehr froh, als er mich endlich nach Hause schicken kann. Die Lügengeschichte, die ich ihm erzählt habe, bringt ihm gar nicht weiter. Gutgelaunt fahre ich nach Hause.

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